CHRONIK

TURNVEREIN LOBBERICH 1861 e.V.

Aus den Anfängen der Turngeschichte

Von den historisch-politischen Dimensionen des Turnens

"Der Verein ist die Keimzelle der deutschen Turn- und Sportbewegung. Bestaunt und bespottet bilden die Vereine in Deutschland eine unübersehbare Landschaft. Sie leisten jedoch einen unschätzbaren Wert für das Wohlbefinden der Bevölkerung, um ihre Verdienste einmal auf den einfachsten Nenner zu bringen."

Schließlich handelt es sich um freiwillige Zusammenschlüsse, um Gesinnungs- und Interessengemeinschaften, die sich selbst verwalten und bestimmen. Ohne den Verein geht nichts. Die gewaltige Turn- und Sportbewegung mit ihren rund 19 Millionen organisierten Mitgliedern ist ohne den Verein nicht denkbar. Daran ändern auch kommerzielle und kommunale Angebote nichts, die bei einer solchen Massenbewegung ebenfalls ihre Funktion haben müssen.

Das Jahn`sche Turnen war von seinen Anfängen an politisch akzentuiert und motiviert; politisch im ursprünglichen Sinne als Erziehungsarbeit für die Bürgergemeinde und den Staat. Friedrich Ludwig Jahn (1778 - 1852) gehörte auch zu dem erweiterten Kreis der preußischen Reformer, deren Ziel nach Frh. Vom Stein die "Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinnens" war. Beeinflusst vom Gedanken der französischen Revolution propagierte er eine nationale Erziehung, um mündige Staatsbürger heranzubilden, forderte die Abschaffung von Adelsprivilegien, den Aufbau eines Volksheeres anstelle eines Söldnerheeres und die Beseitigung von Knechtschaft und Unterdrückung jeglicher Art.

 

Wenn Jahn mit seinen Turnern auf der Berliner Hasenheide (1811 Errichtung des ersten Turnplatzes) körperliche Ertüchtigung betrieb, so war sein Erziehungsziel nicht allein darauf beschränkt. Denn neben einer aus der Not der Zeit geborenen paramilitärischen Ausbildung sollte Turnen der Charakterbildung dienen, sollte es "die verlorengegangene Gleichmäßigkeit menschlicher Bildung wiederherstellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen, der Überfeinerung in der wiedergewonnenen Männlichkeit das notwendige Gegengewicht geben und in jugendlichen Zusammenleben der ganzen Menschen erfassen und ergreifen" - Erziehungsgrundsätze, wie sie ähnlich der Pädagoge Guts Muths (1759 - 1839), Begründer des Schulturnens oder Vieth (1763 - 1836), Verfasser der "Encyklopädie der Leibesübungen" , schon vor ihm formuliert hatten.

 

Kommt man auch nicht umhin, Jahn ́s Turnen in den Anfängen als bewusste Wehrertüchtigung zu werten, so ist damit keineswegs die ganze Breite Jahnschen Turnens erfasst. Da sein "vaterländisches Turnen" die wichtigste Ausformung seiner Volkstumsidee war, gehörten Wanderungen durch deutsche Gaue, Feste und Feiern zur Erinnerung an bedeutsame Ereignisse, die von ihm geschaffene Turnsprache sowie die Pflege des deutschen Brauchtums und die Einführung der turnerischen Gleichtracht zu den Geschichtsbewusstsein und Patriotismus weckenden Kräften und Maßnahmen. Hierzu kam, dass - wie Jahn den Turnbetrieb charakterisierte - "Leibesübungen von Knaben und Jünglingen frei öffentlich und vor jedermanns Augen getrieben" wurden. Die Öffentlichkeit es Turnens wurde tatsächlich zu einer entscheidenden Antriebskraft für die territoriale Verbreitung der Turnbewegung, die ab 1813 begann und dann nach den Befreiungskriegen, an denen Jahn und zahlreiche Turner teilnahmen, stark zunahm.

 

Als nach den Befreiungskriegen die staatliche Neuordnung Europas und vor allem Deutschlands weit hinter den hohen Erwartungen der jungen Patrioten zurückblieb, wurden die von den der Staatsmacht eingeschränkten Freiheitsrechte am nachdrücklichsten von der akademischen Jugend - der Burschenschaft - einer aus patriotischem Geist und auf Anregung Jahns gegründeten Studentenorganisation - verfochten.

 

Die Verbindung zwischen Turnen und Burschenschaft - beides von Jahn initiiert - war so eng, dass bald der Name "Burschenturner" geprägt war. Der "Bursche" war verpflichtet, "seinen Körper zum Dienst des Vaterlandes gehörig auszubilden". Das Turnen erhielt durch Aktivitäten der Professoren - und Studentenschaften - an vielen Universitäten starken Auftrieb. Doch immer mehr kam es zu einer wachsenden Politisierung und Radikalisierung des Turnens. Angefangen mit der "Breslauer Turnfehde", bei der es um die Turnziele ging, bis hin zur Sperrung des Breslauer Turnplatzes im Jahre 1818. Mit den "Karlsbader Beschlüssen" 1820 wurden dann die Burschenschaften verboten, eine Turnsperre verhängt, die Universitäten streng überwacht und hunderte von Studenten verhaftet.

 

 

 

 

Zu denen, die als "Demagogen" verfolgt wurden, gehörte auch Jahn, der verhaftet, angeklagt und lange Jahre unter Hausarrest gestellt wurde. Am 20. Januar 1820 wurden aufgrund einer königlichen Kabinettsorder über 100 Turnplätze und Turnanstalten in Preußen geschlossen. Das Jahnsche Turnen wurde damit in Preußen und in den meisten deutschen Staaten für längere Zeit verboten.

 

Erst als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. In seiner Kabinettsorder im Jahre 1842 Leibesübungen als einen "notwendigen und unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung" förmlich anerkannte und bestimmte, sie in den Kreis der Volkserziehungsmittel aufzunehmen, da wurde die "Turnsperre" in Preußen und bald auch in den anderen deutschen Staaten wieder aufgehoben. Die Turnbewegung erlebte nunmehr innerhalb weniger Jahre einen bedeutsamen Aufschwung und wurde zu einer politischen Bewegung, in der sich die fortschrittlichen Kräfte, die nach Einheit und Freiheit des Vaterlandes strebten, zu Aktionsgruppen in den Turnvereine zusammenfanden.

 

Die Wirren der Aufstände 1848 - 1849 brachten neue Unruhen. Entscheidende Impulse zur Neubelebung des Turnwesens waren dann die politischen Ereignisse des Jahres 1859, die eine Welle nationaler Begeisterung auslösten. Von zwei schwäbischen Turnern, dem Stuttgarter Kaufmann Kallenberg und dem Esslinger Rechtsanwalt Georgii, ging dann im März 1860 ein "Ruf zur Sammlung" aus, ein Aufruf zu einem "Allgemeinen deutschen Turn- und Jugendfest", in dem es unter anderem hieß:

 

"dass wie auf allen anderen Gebieten unseres Volkslebens, so auch auf dem turnerischen, die Zeit reif geworden ist, zur festlichen Bestätigung des eigenen Wollens und Strebens deutscher Nation"

 

Das Turnfest fand am 17. Und 18. Juni 1860 in Coburg statt; an ihm nahmen über 1.000 Turner teil.

 

Wenn es auch auf dem Turnfest in Coburg noch nicht zur Gründung eines deutschen Turnerbundes kam - ein entsprechender Antrag fand nicht die gewünschte Mehrheit - so stellte dieses Fest eine entscheidende Wende dar:

Von 1860 an nahmen die Turnvereinsgründungen wieder rasch zu, so dass allein in den Jahren 1869 - 1862 über 1.000 Turnvereine entstanden, in denen aufs neue die deutsche Frage diskutiert wurde. Die deutsche Turnbewegung war nun nicht mehr aufzuhalten.

 

Von 1861 bis 1886 - die Gründerjahre

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